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Wäre nicht die Katastrophe gewesen…


Bis jetzt hat noch kein Journalist diese Geschichte zu hören bekommen, weil erzählen irgendwie auch vom Neuen erleben bedeutet. Und das ist sehr schwer. Für „Delet“ hat man eine Ausnahme gemacht. Vielleicht hat das einfache Argument gewirkt – solche Geschichten dürfen nicht verschwinden, wir sind verpflichtet, sie für unsere Enkel zu erhalten. So oder so, die Geschichte wurde erzählt, und ich versuche sie einfach wiederzugeben.




Die Familie Puchovitski auf dem Vorkriegsfoto: Lazar’ und Gelja mit den Kindern Naum und Lisa. Sie haben nur noch ein Jahr zu leben. Nur Naum wird überleben

Naum wurde im Jahr 1923 in einem kleinen weißrussisch-jüdischen Städchen Čašniki im Vitebsker Gebiet in einer Bauernfamilie geboren. Nach der Revolution wurden seine Eltern, Lazar und Gelja, Mitglieder der landwirtschaftlichen Genossenschaft, mit zwei Hektar gepachtetem Land und gemeinschaftlichen Arbeitsgeräten. Dieses Land wurde ihnen erst mit dem Beginn der Kollektivierung weggenommen. Bis dahin haben sie überlebt, wie es eben so ging: ein Pferd, eine Kuh, ein großer Gemüsegarten… Naum besuchte wie alle Kinder die Chederschule, danach die jüdische Schule, die in erster Linie sowjetisch war, und erst in zweiter Linie jüdisch. Das einzige was an ihr jüdisch war, war die Unterrichtssprache – Jiddisch, alles andere Jüdische wurde einfach unterbunden. Zum Beispiel wurden die Kinder am ersten Pessachabend, wenn alle jüdischen Familien mit dem Seder beginnen, absichtlich in der jüdischen (!) Schule bis in die späten Abendstunden aufgehalten. Trotzdem hat man auf die Kinder gewartet, und auch wenn es spät war (die Pessach-Kerzen sollen 18 Minuten vor dem Sonnenuntergang angezündet werden), setzte man sich an die Festtagstafel erst, wenn alle beisammen waren: „Gesegnet bist, oh Herr, unser Gott, der Herrscher des Universums, der uns befohlen hat, die Festtagskerzen anzuzünden“. Es ist nicht einfach, in einer Siedlung, in der vor der Revolution 8 Synagogen standen, die Traditionen zu zerbrechen. Aber die Sowjetmacht ist schon mit schwierigeren Aufgaben fertig geworden.

Naums Eltern waren keine besonders gebildete Menschen: die Mutter, zum Beispiel, hat nur 3 Klassen beendet, hat aber, nebenbei gesagt, ihren Kindern bis zur sechsten Klasse mit den Mathe-Hausaufgaben geholfen. Der Vater war ein sehr gläubiger Mensch. Und welches ist eines der wichtigsten Gebote? Richtig: du sollst anständig für deine Familie sorgen. Das hat er auch im Schweiße seines Angesichts gemacht. Die Sowjetmacht liebte die Juden nicht, wofür auch? Dafür, dass im Jahr 1934 in Weißrußland Menschen an Hunger starben? Für die Unmöglichkeit, von dem ehrlich verdienten Geld zu überleben und für die Notwendigkeit, die Einkünfte zu verstecken? Für die Angst, die es einem verbat, vor den eigenen Kindern über die brennenden Probleme zu sprechen? Dafür, dass die Sowjetmacht es sich zum Ziel gesetzt hat, Millionen von Verrätern großzuziehen? Das war wohl der Grund dafür, dass, als vor dem Krieg der Film „Professor Mamlock“ gezeigt wurde, der von der Judenverfolgung im Nazideutschland erzählt, alle Juden und auch Naum’s Vater ihn für sowjetische Propaganda hielten. Sie haben dem Film nicht geglaubt. Außerdem war noch die Erinnerung an die deutschen Besatzer aus dem Jahre 1918 wach: anständige Menschen waren es, Europäer. Deshalb hat auch keiner daran gedacht, wegzuziehen, als der Krieg angefangen hatte. Sich höchstens einmal vor den Bomben verstecken und die erste Zeit in irgendeinem Dorf abwarten.

Zu dieser Zeit beendete Naum die 6. Klasse der jüdischen Schule, die trotzt der vollkommenen Regierungsloyalität 1937 geschlossen wurde. Er wechselte dann auf die Abendschule, tagsüber machte er noch eine Ausbildung zum Telegrafisten. Als Telegrafist arbeitete er auch bis Kriegsbeginn. Mit dem Alphabet des Amerikaners Samuel Morse übermittelte und empfing er fremde Freuden und Nöte. Eines Tages erreichte ihn folgende Nachricht: „Heute, ohne eine Kriegserklärung...“ Es schien, das Unglück würde vor allem den älteren Bruder berühren, der schon 1940 in die Armee einberufen wurde und an der Front umkommen könnte. Es kam aber anders: der Bruder hat überlebt, der Rest der Familie ist umgekommen. Sie haben 400 km von der Grenze entfernt gelebt, und schon am 4. Juli sind die Deutschen in Čašniki eingezogen. An die Gefahr geglaubt und sich evakuieren lassen haben nur drei jüdische Familien, die übrigen konnten nicht ahnen, was sie erwarten würde. Es wurde auch keine Evakuierung organisiert, im Gegenteil, die Behörden warnten, dass jedem, der den Arbeitsplatz verlässt, die Erschießung droht. Die Deutschen haben sich nicht lange im Städtchen aufgehalten – sie haben eine neue Administration eingesetzt und sind weitergezogen. Schon zum zweiten Mal im vorangegangenen Viertel des Jahrhunderts wurden jene, die vorher nichts waren, zu allem. Der Schlosser Soroka wurde als Kommandant bestimmt, Fotograf Galyna wurde zum Bürgermeister ernannt, der Kriminelle Nikolajcik, der zu 10 Jahren Haft verurteilt war und von der neuen Macht aus der Haft entlassen wurde, wurde neuer Polizeileiter. Neue Leitung befolgte eifrig die Anordnungen der Besatzer: auf die Häuser aller Juden den sechszackigen Stern anzubringen, und auf die Kleider gelbe Aufnäher, auf die Brust und auf den Rücken, der Ärmel bekam auch einen Davidsstern.

Die Kuh wurde Naums Familie weggenommen, das Pferd haben schon früher die Sowjets für die Bedürfnisse der Roten Armee konfisziert. Die Nähmaschine musste man den weissrussischen Nachbarn „zur Aufbewahrung“ übergeben. Ein Ghetto wurde nicht gebildet, es hatte keinen Sinn, die Juden abzugrenzen, denn sie lebten so schon ziemlich eng zusammen im Zentrum der Siedlung. Man wurde gezwungen, einen jüdischen Dorfältesten zu wählen, der die Leute für die Arbeiten einteilen und Schmiergelder von den seinen für die neue Administration einsammeln sollte. Man arbeitete auf den Eisenbahngleisen, die Arbeit war sehr hart. Man schleppte anstelle von Pferden Eisenbahnschwellen, Sand und Wasser. Zum Torfstechen wurden auch Juden geschickt. Man überlebte, indem illegal alles was im Haus noch übriggeblieben war, gegen Lebensmittel eingetauscht wurde. Es wurde befohlen, sich vor der Obrigkeit zu verbeugen, und beim Nichtbefolgen ließ der Stockschlag nicht auf sich warten. Nichtjuden durften den jüdischen Stadtteil nicht betreten. Nichts Neues also: Mittelalter mitten in Europa in der Mitte des aufgeklärten 20. Jahrhunderts.

Am Sabbat, den 14. Februar 1942 zog der deutsche Erschießungstrupp in das Städtchen ein. Die Polizisten aus dem ganzen Stadtteil umzingelten auf ihren Pferden die Straßen, in denen die Juden wohnten. Sie wurden im Kulturzentrum, in der ehemaligen Kirche, zusammengetrieben. Und danach führte man sie aus der Siedlung raus und erschoss alle in einer Sandgrube. 1200 Menschen. Männer, Frauen, Alte und Kinder. 1200 Welten, die ausgelöscht wurden. Darunter auch Naums Eltern und seine 17-jährige Schwester Lisa.

Naum selbst arbeitete an diesem Tag auf dem Staudamm – sie haben das Bauwerk vom Eis befreit. Nachmittags wurden sie nicht mehr zum Arbeiten raus gelassen. Da ahnte er schon, was sie erwarten würde. Also entschied er, sich selbst zu retten. Er suchte seinen Cousin Buma, fand ihn aber nicht, stattdessen traf er Bumas Sohn, den 15-jährigen Sema – zusammen entschieden sie sich, zu verschwinden. Es ist ihnen nicht gelungen, aus dem Städtchen zu rauszukommen. Also schlichen sie in ein leeres, nicht fertig gebautes Haus, das jedoch schon einen Dach hatte, kletterten auf die Bretter unter dem Dachstuhl und verbrachten dort jenen Samstag. Verehrter Leser, Sie erinnern sich doch noch, das alles spielte sich im Februar ab. Und sie hatten auch nicht einmal etwas zu Essen dabei. In der Nacht krochen sie leise raus. Der Mob plünderte die jüdischen Häuser und stahl alles. Hinter der Siedlung vernahm man Schüsse, die endgültige Lösung der ewigen Judenfrage in Čašniki.

Als sie zum Haus zurückkamen, sahen sie zwei Jungvermählte, die die Möglichkeit besprachen, sich auch unter dem Dachstuhl zu verstecken. Am Ende hielten sie diesen Platz doch für zu unsicher, und entschlossen sich, zu ihrer nichtjüdischen Freundin zu gehen, mit der Hoffnung, sie würde sie verstecken. Aber nein, sie werden es nicht schaffen, sie werden umkommen, ohne ihre Liebe auskosten zu können. Die Jungs aber verbrachten in diesem Haus noch ein Tag und eine Nacht, wieder in eisiger Kälte und ohne Essen. Bloß den Hunger, den spürten sie nicht, der Wunsch zu überleben verdrängte alle anderen Gedanken und Gefühle. Sobald die Schüsse aufhörten, haben sie bei Anbruch der Dunkelheit die Siedlung verlassen. Im nächsten Dorf gab ihnen ein bekannter Bauer einen halben Laib Brot und zeigte auf den Heuschuppen. Ins Haus hat er sie nicht gelassen – fände man Juden im Haus, dann würde man die ganze Familie erschießen. Nachdem sie sich im Heu ausgeruht und aufgewärmt haben, gingen sie ins nächste Dorf. Dabei sind sie einem Polizisten aufgefallen. Er verfolgte sie eine Zeit lang, hat aber aus irgendeinem Grund nicht geschossen. So sind sie irgendwann bei der Tante Haja angekommen, die in einem der Dörfer lebte. Bei ihr konnten sie auch übernachten, denn in den Dörfern war es noch ruhig, es wurden noch keine Juden umgebracht. Sie erzählten, was in Čašniki passiert war und am nächsten Morgen zogen sie weiter. So gingen sie von Dorf zu Dorf, ihre „Legende“ erzählend: dass sie an einer Fachhochschule gelernt haben und jetzt nach Hause, nach Nevel', gehen. Diese Stadt haben sie ausgewählt, weil ein bekannter Funker die Information bekommen hat, dass Nevel' schon von den Russen befreit wurde.

Überall hat man ihnen was zu essen gegeben, Kartoffeln bekamen sie in Hülle und Fülle. In den Häusern gab es Essen in Überfluss – die Bauern haben die von den Deutschen zerstörten Kolchosen geplündert. Leider war gerade Fastenzeit, deshalb gab es in den Bauernhäusern überwiegend Kartoffeln und Brot. So gingen sie weiter und weiter. An Samstagen und Sonntagen wärmten sie sich heimlich in noch nicht abgekühlten Badestuben. Sie suchten arm aussehende Bauernhäuser aus, denn die Reichen verraten einen eher. Der Herr eines der Häuser hat sich als ein verständiger Mann herausgestellt. „Jungs, ich sehe wer ihr seid“, sagte er. „Und weiß auch was ihr tun müsst. Geht nicht nach Nevel', ihr kommt nicht durch. Geht unten herum.“ Unten herum – das bedeutete durch die Sümpfe. Er erklärte ihnen eine genaue Marschroute und sie gingen. Kurz vor den Sümpfen bogen sie in ein Dorf ein. „Hier werden Jungs wie Ihr für eine Packung Tabak verkauft“- sagte der Bewohner des Hauses, indem sie kurz vorbei geschaut hatten. Sie beeilten sich, weiter zu ziehen, ohne das Schicksal unnötig herauszufordern. Aber sie wussten schon – Russland ist nah.

Nach ein Paar Tagen waren die Sümpfe passiert – der Schnee war kniehoch – und sie erreichten irgendein Dorf. Da trafen sie auf zwei Männer – sie stellten sich als Partisanen heraus. Die haben sie nachts durch den Wald geführt. Bald erreichten sie das Kaliningrader Gebiet, das schon von den Deutschen befreit worden war. Sie steuerten das Stadtzentrum an. Hier gab man ihnen nichts zu essen in den Häusern – die Bewohner hatten selbst nichts. Auf dem Weg schnitten sie Fleischstücke aus den verendeten und am Wegrand liegenden Pferden heraus und gingen in die Häuser um dieses Fleisch zu kochen und mit den Hausbewohnern zusammen zu essen. Endlich kamen sie im Stadtzentrum an. Sofort wandten sie sich an das Kriegskomitee. Sema, der Halbwüchsige, wurde abgewiesen, Naum, aber, der es sich heiß wünschte, sich an den Faschisten für die Eltern und die Schwester zu rächen, haben sie in die Armee aufgenommen. Und schickten ihn... in ein Speziallager der NKVD. Hier hat man alle Verdächtigen „ausgefiltert“. Von dieser Sorte gab es hier um die zehntausend: jene, die aus den umzingelten Gebieten entkommen waren, jene die aus dem besetzten Territorium kamen, jene die der Kollaboration mit den Besatzern verdächtig wurden. Tagsüber musste man in der Holzbeschaffung arbeiten, nachts fanden dann Verhöre statt. Man wollte aus Naum herausbekommen, mit welchem Ziel er die Frontlinie überquert hatte; wie er es geschafft hatte, durch die deutschen Territorien durchzukommen? Warum hat er die Erschießungen überlebt? Welchen Auftrag hat er von den Deutschen bekommen?

Anderthalb Monate hat man ihn dann gequält. Das Essen war schlecht und die Arbeit hart. Eines Tages schickte man ihn zu einem Offizier, um für ihn Holz zu hacken. Naum erzählte ihm von seinem Leidensweg. Der (aller Wahrscheinlichkeit nach war er auch ein Jude) glaubte seinem Volksgenossen und half ihm – und schon zwei Tage später schickte man Naum zum Reserveregiment. Dort lernte er die Bedienung von Minenwerfern. Die Verpflegung war furchtbar – die sowjetischen Soldaten stahlen den Pferden Hafer und kauten ihn. Danach – die Front, allerdings musste er als Nachrichtensoldat kämpfen, sein ziviler Beruf hat sich im Krieg als Mangelware herausgestellt. Der Krieg fing für ihn bei Možank an, er durchquerte den Kursker Bogen, Weißrussland, Polen, Ostpreußen, Danzig. Der Krieg endete bei Rostock. Er kämpfte gut, schlechte Kämpfer bekommen keine Tapferkeitsund Verdienstmedaillen, es werden ihnen auch keine Orden des Roten Sterns und des Vaterländischen Kriegs ausgehändigt. Er wurde 1947 aus dem Dienst entlassen. Und fuhr in die Heimat. Dort lebten nur noch drei jüdische Familien: in zwei davon arbeiteten die Männer in der Feuerwehrmannschaft und konnten den Deutschen auf den Pferden entfliehen. Noch einer, übrigens ein Verwandter, hat es auch irgendwie geschafft, sich zu retten. Und noch eine Cousine hat überlebt, Rosa, sie und ihre Freundin haben sind durch das besetzte Territorium zu den Ihren durchgekommen. Jetzt haben sie sich zufällig in Čašniki getroffen. In ihrem geliebten Čašniki, das sich so verändert hat: ohne die 1200 Juden, die dort vorher gelebt haben. Hier hatte Naum nichts mehr zu suchen. Er fuhr zu seinem Verwandten nach Brest. Dort ließ sich Naum nieder. Hier lernte er Polina kennen. Lassen Sie mich auch ihre Geschichte erzählen.




Polina und Galina, die sich über den ganzen Krieg zusammen mit ihrer Mutter im Keller versteckte (1945)

Polina lebte in Bobrujsk. Sie ist in einer Arbeiterfamilie aufgewachsen: der Vater, ein ehemaliger roter Partisan, arbeitete in der Nähfabrik, die Mutter nähte zuhause. Es war die Mutter, die den Vater dazu angehalten hat, aus der Partei auszutreten, und, merkwürdigerweise, hat er das problemlos geschafft. Auch für diese Familie, wie für andere jüdischen Familien, gab es keine besonderen Gründe, um mit der Sowjetmacht zufrieden zu sein. Die jüdischen Feiertage, zum Beispiel, musste man sehr vorsichtig feiern, mit verschlossenen Fensterläden und auf der Straße aufgestellten Wachen. Polina besuchte eine weißrussische Schule, der Abschlussball fiel auf den 21 Juni 1941. Am morgen fing dann der Krieg an. Der Vater konnte sich nicht evakuieren lassen – keiner konnte ihn, den Meister der Nähfabrik, ersetzen. Und auch das Radio überzeugte davon, Ruhe zu bewahren, nicht in Panik zu verfallen. Der ehemalige rote Partisan glaubte dem Radio. Die 16-jährige Polina auch. Als ihr Untermieter, eine junger Jude, der beim Lokalradio als Korrespondent arbeitete, sagte: Glaubt der Propaganda nicht, man muss fliehen, im Zug gibt es einen freien Platz, soll doch wenigstens Polina sich evakuieren lassen, hat Polina den Vorschlag abgelehnt.

So fand sich die ganze Familie im Getto wieder. Man hat sie mit anderen Menschen in einem winzigen Zimmer einquartiert, 8 Menschen auf ein Paar Quadratmetern. Und so fing ein Leben in ständiger Anwesenheit des Todes an. Zuerst brachte man den Vater weg, angeblich zu Arbeit, und man hat ihn nie wieder gesehen. So ist der Mensch beschaffen: man hofft auf das Leben, trotz schlimmster Lebensumstände. Als die Mutter jedoch gesehen hat, wie man ihre Schwägerin mit dem Kind auf dem Arm durch die Straße jagte, barfuss in einem teueren Pelzmantel, und wie der Deutsche, als das Kind anfing zu weinen, ihm seelenruhig in den Kopf geschossen hat, da hat sie begriffen, das ist das Ende – wenigstens Polina muss fliehen.

Polina hatte mit ihrer Freundin Manja Rubinson schon lange vor, zu fliehen, sie konnte sich aber nicht dazu durchringen, die Mutter allein zu lassen. Jetzt aber, wo die Mutter selbst auf einer Flucht bestand, haben die beiden Freundinnen sich endlich dazu entschlossen. Die Mutter von Manja wollte die Tochter auf keinen Fall weglassen: wo sollen die Kinder hin?- Dort wartet auf sie der sichere Tod, und hier, wenn Gott so will, werden wir vielleicht überleben. Aber, als man sie zur Erschießung führte, es waren die Novemberfeiertage, sind Polina und Manja im passenden Moment aus der Menschenkolonne herausgeschlüpft, bogen in eine Straße ein und verschwanden. Sie haben sich in einem leeren Haus versteckt, zwei Tage später gingen sie zu einer weißrussischen Nachbarin. Sie gab ihnen etwas zu Essen, kleidete sie ein, sie zu verstecken hat sie sich aber nicht getraut. Sie mussten sich also selbst irgendwie verbergen. Manja war blond, also musste sie die Zuflucht verlassen, um Lebensmittel zu besorgen. Und wenn sie zu zweit hinausgingen, musste Manja für zwei sprechen. Die Sache war die, dass Polina die Laute L- und R nicht sauber aussprach. Mit so einer Aussprache konnte man das Jüdischsein nicht verbergen. Also haben sie sich ausgedacht, Polina wäre stumm. Fast wären sie entdeckt worden. Ungefähr zwei Wochen lang konnten sie sich bei Bekannten am Stadtrand verstecken. Die hatten eine Tochter, und als sie den Heiratsantrags ihres Verehrers ablehnte, drohte er: „Wenn sie mich nicht heiratet, dann erzähle ich, wen ihr bei Euch versteckt!“ Also mussten sie schon in derselben Nacht aufbrechen. Sie hörten, dass in Gluzsk Juden noch am Leben seien, und gingen dorthin. Aber sie verweilten dort nicht lange, auch in Gluzsk begannen die Erschießungsaktionen. Alle Juden fingen an zu beten. Aber die Mädchen wussten: Gott wird ihnen nicht helfen, er hat sich von seinem Volk abgewandt. Und sie liefen wieder weg, und schon wieder rettete sie Manjas Haarfarbe. Bei ihrem Umherirren trafen sie auf viele unterschiedliche Menschen, die sich im Wald versteckten. Vor allen Dingen waren es aus der Einkesselung entflohene Soldaten, aber es gab auch ortsansässige Juden, die sich retten konnten. Die Freundinnen arbeiteten in den Bauernwirtschaften. Versteckten sich. Dann gingen sie zu den Partisanen. Nach der Befreiung diente Polina noch bis zum Ende des Kriegs im Hospital. Sie hatte auch keinen Ort mehr, an den sie hätte zurückkehren können.




Die Eröffnung des Denkmals auf der Stelle der Erschießung der Juden von Čašniki

Sie fuhr nach Minsk, um etwas über das Schicksal ihrer Schwester, einer Medizinstudentin, zu erfahren. Sie kehrte in der Familie ihrer Cousine Susanna ein. Ihr Mann war ein Weißrusse, und sie hatten ein Töchterchen, die 5-jährige Galja. Dieser Weißrusse also, er hieß Sergej, als die Deutschen kamen, hat seine jüdische Frau einfach aus dem Haus gejagt, und mit ihr auch seine 5-jährige Tochter. Er hat sie öffentlich, mit einem Riesenstreit rausgeschmissen, alle Nachbarn haben es gesehen und gehört. Und nachts kam er dann zu dem verabredeten Platz, um seine Frau und Tochter wieder nach Hause zu bringen. Es stellte sich heraus, dass er dieses Theater extra für die Nachbarn inszeniert hat, damit sie keinen Verdacht schöpfen, dass er seine Frau und Tochter zuhause versteckt. Über den ganzen Krieg hat er sie im Keller des Geräteschuppens verborgen. Den Eingang hat er gut mit Brennholz getarnt. So rettete er seiner Frau und Tochter das Leben. Und mit den Partisanen hat er übrigens auch zusammen gearbeitet. Über das Schicksal der Schwester konnte Polina nichts erfahren – sie ist einfach verschwunden. Und sie war doch erst 20 Jahre alt.

Polina blieb in Minsk, ging an die Universität und studierte Ökonomie. Dann arbeitete sie. Eines Tages fuhr sie zu ihrer Freundin Manja, die in Brest lebte, und traf dort Naum. Wie es in einem Lied heißt: „Es sind einfach zwei Einsamkeiten aufeinander getroffen“. Nein, das ist zu schwach gesagt – zwei ausgebrannte Seelen haben sich getroffen. Die für alle ihre vernichteten Verwandten am Leben geblieben sind. Das ist keine Einsamkeit, das ist schlimmer, das ist das, was die Juden mit dem hebräischen Wort „Shoa“ bezeichnen. Die vollständige Verbrennung. Ausgebrannt sein. Leere. Wie soll man damit leben? Aber unser Volk hat überlebt. Indem er sechs Millionen von achtzehn verloren hat. Naum und Polina haben proportional gesehen viel mehr verloren. Aber sie haben auch überlebt. Sie arbeitete. Naum beendete die Fachschule und fing an, als Warensachverständiger zu arbeiten. Ob man es glaubt oder nicht, in seinem Arbeitsbuch gibt es nur einen einzigen Eintrag, der im Jahre 1947 gemacht wurde: „Eingestellt als…“.

Sie zogen zwei Töchter groß. Die Zeit heilt alle Wunden. Und verfliegt. Es kam die Zeit, um Weißrussland zu verlassen, schon war ein Teil des Gepäcks nach Israel verschickt, doch die Töchter waren im Begriff nach Deutschland zu ziehen. Und wohin sollen sie ohne ihre Kinder, ohne ihre Enkel: die Familie stellt die höchste Priorität der Juden dar. Natürlich war das schwierig, sich dazu zu entschließen, hierher zu kommen. Aber macht nichts, die Juden passen sich überall und an alles an. Und das Land hat sich schon Lange von der Verunreinigung befreit. Sie leben in Mülheim an der Ruhr jetzt schon seit 13 Jahren. Fein leben die Eheleute Puchovicki. Und sie sind Deutschland für die Fürsorge, die sie im Alter erfahren, dankbar. Sie freuen sich für die Erfolge der Kinder. Sie freuen sich darüber, dass ihre Enkel in einem freien Land aufwachsen. Und schon lächelt auch die erste Urenkelin Anastasia die Welt an. Und wenn diese Rettung nicht gewesen wäre… Obwohl, besser wäre, die KATASTROPHE wäre nicht gewesen. Wäre die KATASTROPHE nicht gewesen, wären wir jetzt nicht 14 Millionen auf dieser Welt, sondern mindestens 21. Und wie wäre diese Welt heute? Wenn diese KATASTROPHE nicht wäre…




Eheleute Poukhovitskij mit Enkel Vadim im Jahr 2009

Postskriptum
- Der Cousin Buma, den Naum am Tag der Erschießungsaktion suchte, ist umgekommen.
- Sema arbeitete in einer Kolchose, wurde in die Armee einberufen, kämpfte mit Japan, ließ sich in Leningrad nieder, hat geheiratet, hatte zwei Söhne, mit 60 hatte er einen Schlaganfall. Er starb in der USA im Alter von ungefähr 62 Jahren.
- Tante Haja, die im weißrussischen Dorf lebte, wurde erschossen. Zusammen mit ihren zwei Töchtern, von denen eine mit einem Weißrussen verheiratet war.
- Der Kommandant Soroka von Čašniki wurde von den Partisanen getötet. Das Schicksal der anderen Handlanger ist unbekannt.
- Die Cousine Rosa, die sich auch retten konnte, lebte in Moskau. Im Jahr 1990 zog sie nach Israel. Ein Jahr später starb sie an Herzinsuffizienz, die durch einen Angstanfall während des Raketenangriffs mit irakischen „Skad“- Raketen hervorgerufen wurde.
- Nach Rosas Berechnungen hat die Familie Puchovicki während des Krieges etwa 300 Menschen verloren.
- Polina verlor 38 Verwandte.
Es haben nur jene Juden aus Čašniki überlebt, die das Städtchen vor dem Krieg verließen. Zwei von ihnen sammelten unter den Verwandten der Umgekommenen Geld ein, um mit diesem Geld Mitte der 60-er Jahre ein Denkmal am Ort der Erschießung zu errichten. Die Sowjetregierung verbot die Nennung der Nationalität der Umgekommenen auf dem Denkmal. Zur Denkmaleröffnung erschienen ca. 100 Verwandte. Sie haben sich verabredet, an jedem letzten Maisamstag hierher zu kommen. Mit der Ausreisewelle wurden die Menschen immer weniger. Zum letzten Treffen erschienen nur drei Personen: die Eheleute Puchovicki und Arkadij Puchovickij, ein Namensvetter, der die KATASTROPHE auch überlebt hat. Die weißrussischen Kollegen seines Vaters versteckten ihn, danach kämpfte er als Partisan. Er wurde repatriiert. Lebt zur Zeit in Jerusalem.

Text: Leo Scharzmann
Übersetzung aus dem Russischen: Karina Akopian

Dieser Artikel erschien in der Zeitung „Delet“, herausgegeben von liberalen jüdischen Gemeinde des Ruhrgebiets №.1, 2008



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